Portrait
Foto: Anne-Catherine Schröter, Raphael Sollberger

Portrait

Anne-Catherine Schröter (30), Architekturhistorikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Architektur FHNW, verantwortlich für «Projekte und Veranstaltungen» Region Bern Mittelland und seit November 2021 Co-Präsidentin der Regionalgruppe zusammen mit Raphael Sollberger (35), Architekturhistoriker und Grafiker, verantwortlich für die Zeitschrift «heimat heute», wissenschaftlicher Mitarbeiter Kantonale Denkmalpflege Zürich.

Anne-Catherine Schröter, Sie haben das Bilderbuch «Mathilde, das Haus, das weglief» von Franz Josef Kochs als Lieblingsgegenstand für Ihren Bezug zum Heimatschutz ausgewählt. Weshalb?

Dieses Buch der Deutschen Stiftung Denkmalschutz habe ich als Kind von meiner Patentante geschenkt bekommen. Es geht in dem Buch darum, dass das alte Haus «Mathilde» nicht mehr geliebt wird und abgerissen werden soll. Deshalb rennt es davon und erlebt dabei einige Abenteuer. Seit ich diese Geschichte das erste Mal vorgelesen bekam, lassen mich alte Häuser, ihre Geschichten und «Schicksale» nicht mehr los. Das Buch hat sicherlich meinen Weg in den Vorstand des Heimatschutzes Region Bern Mittelland mitgeebnet – und die Geschichte zeigt, welche Bedeutung baukulturelle Bildung bei Kindern und Jugendlichen hat.

Gab es ein Erlebnis oder eine Person, die Sie, Raphael Sollberger, entscheidend beeinflusst hat, dass Sie der geworden sind, der Sie heute sind?

Während des Denkmalpflegestudiums an der Universität Bern gab es Dozentinnen und Dozenten, die mich mit ihrem Wissen über Kulturerbe-Themen beeindruckt haben. Wirklich nachhaltig geprägt haben mein Wissen um den gesellschaftlichen und ökologischen Wert der Kulturgütererhaltung aber vielmehr verschiedene Reisen und Exkursionen – sei es zu den antiken Tempeln in Sizilien und Griechenland, zu romanischen und gotischen Kirchen in Mittelitalien oder Zentralfrankreich oder aber ins Berliner Hansaviertel, wo heute noch Oscar Niemeyers oder Le Corbusiers Prototypen für die für Bern so prägenden Siedlungsbauten der Nachkriegszeit stehen.

Was wäre ein typischer Charakterzug von Ihnen beiden? 

Anne-Catherine Schröter: Wir sind beide stets für spannende Projekte zu begeistern. Das verbindet uns. In anderen Dingen sind wir eher unterschiedlich. Ich glaube, wir ergänzen uns charakterlich sehr gut – sicherlich mit ein Grund dafür, dass eine Zusammenarbeit im Co-Präsidium uns beiden sinnvoll erschien. 

Gab es denn noch weitere triftige Gründe für ein Co-Präsidium?

Raphael Sollberger: Wir fanden das Co-Präsidium eine zeitgemässe Lösung. Entscheidungen und Stossrichtungen für die Arbeit im gemeinsamen Dialog zu erarbeiten, schien uns ein Mehrwert. Gleichzeitig entlastet uns das Co-Präsidium auch. Wir können Aufgaben untereinander aufteilen und so die Belastung des Ehrenamtes reduzieren. Dadurch wird es möglich, dieses auch neben einem aktiven Berufsleben wahrzunehmen.
 

HEIMAT

Sie bejahen beide, dass Sie Heimat brauchen. Max Frisch fragte in seinen berühmten Fragen zum Begriff Heimat nach einem Dorf oder einem Sprachraum, gar nach einem Erdteil. Was bezeichnen Sie als Heimat?  

Anne-Catherine Schröter: Heimat sind für mich zuallererst Menschen, bei denen ich mich zu Hause fühlen kann. Es sind aber auch Orte, an denen ich schöne und prägende Momente erlebt habe und die mich beeinflusst haben. Ich hätte also Mühe, nach Max Frisch wählen zu müssen. Heimat ist für mich die Wohnung meiner Grosseltern genauso wie das Quartier, in dem ich jetzt wohne, aber auch die Westschweiz, in der ich als Kind viel Zeit verbracht habe.
Raphael Sollberger: Heimat ist, wo sich mein WLAN automatisch verbindet.

Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders?

Raphael Sollberger: An meiner Heimatstadt liebe ich im Winter die Nähe zu den Bergen und im Sommer die Aare. An meinem Heimatland schätze ich die verhältnismässig starke Gewaltentrennung und die vergleichsweise transparente öffentliche Verwaltung.

Haben Sie eine zweite oder eine dritte Heimat, ja, kann man Heimat austauschen?

Raphael Sollberger: Heimaten habe ich viele, austauschen kann man sie alle nicht.
Anne-Catherine Schröter: Da schliesse ich mich an. Genau das macht uns doch als Menschen und Individuen aus, unsere verschiedenen und einzigartig kombinierten Heimaten. Auf keinen Fall sind diese austauschbar.

Gibt es Orte, wo Sie das Entsetzen packt bei der Vorstellung, dass es für Sie die Heimat wäre?

Raphael Sollberger: In meinem Keller möchte ich nicht leben müssen. Und in einer Diktatur auch nicht.
 

BAUKULTUR

Was verstehen Sie unter guter Baukultur?

Anne-Catherine Schröter: Gute Baukultur orientiert sich an den Bedürfnissen der Menschen, nicht an finanziellem Profit oder einem politischen Programm. Gute Baukultur bemüht sich darum, langfristig gute Lösungen zu finden, die das baukulturelle Erbe schonen, heutigen Ansprüchen gerecht werden und die Lebenswelt für alle verbessern.
Raphael Sollberger: Genau. In einer guten Baukultur wird Bauen als Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Gesellschaft und der Umwelt verstanden. So entstehen im Rahmen einer guten Baukultur Räume, welche die Bedürfnisse der sie nutzenden oder bewohnenden Menschen erfüllen und dabei nicht gleichzeitig deren Lebensgrundlage zerstören.

Was sagen Menschen im Freundeskreis, wenn sie erfahren, wie wichtig Ihnen gute Baukultur und deren Schutz sind, dass Sie sich ehrenamtlich dafür einsetzen?

Anne-Catherine Schröter: «Kann ich mal an eine Führung vom Heimatschutz mitkommen?»
Raphael Sollberger: «Wie, das kann man studieren?»

Was ist ihr Lieblings(bei)spiel, um aufzuzeigen, dass sich das Engagement für gute Baukultur, lebenswerte Städte und Dörfer in einer ökologisch vielfältigen Umwelt lohnt?

Raphael Sollberger: Jassen, denn dabei hat man viel Zeit, darüber zu diskutieren.
Anne-Catherine Schröter: Ich glaube, den meisten Menschen ist der Sinn einer guten Baukultur durchaus bewusst. Oft reicht es, einmal nachzufragen, wie und wo sie sich in ihrem Leben von der gebauten Umwelt um sie herum beeinflusst gefühlt haben.

Gibt es Vorurteile, gar Fake News über den «Berner Heimatschutz», die Sie öfters ärgern?

Anne-Catherine Schröter: Das «Verhinderer-Image» ist etwas frustrierend. Hier ist es aber an uns, aufzuzeigen und immer wieder zu beweisen, dass der Heimatschutz nicht einfach nur gerne «trötzelt», sondern dass er sich für eine nachhaltige Gestaltung unserer zukünftigen Lebenswelt einsetzt.
Raphael Sollberger: Aufgrund seines etwas verfänglichen Namens wird der Heimatschutz ausserdem von jüngeren Menschen oft zu Unrecht als wertekonservative Organisation – manchmal gar als reaktionär – wahrgenommen, was ich extrem schade finde. Schliesslich setzt sich der Heimatschutz, wie Anne-Catherine sagt, mit für eine nachhaltige Gestaltung unserer zukünftigen Lebenswelt ein. 
 

ZUKUNFT

Sollen wir noch neu bauen und wenn ja, wie?

Raphael Sollberger: Klar! Wenn dabei nicht Bewährtes verloren geht, Menschen ihrer Heimat beraubt und das Klimaziel «Netto Null» torpediert werden, spricht nichts dagegen. Ich empfehle aber grundsätzlich, vor jedem Bauvorhaben zuerst eine Bedürfnisanalyse durchzuführen und Alternativen wie zum Beispiel Umnutzungen ergebnisoffen zu prüfen. Oft ist weniger mehr.
Anne-Catherine Schröter: Ganz ohne Neubau wird es wohl tatsächlich nicht gehen. Ich glaube aber auch, dass wir im Bereich des Bauens vieles neu denken sollten. Bei der Prüfung von Alternativen, wie Raphael sie richtigerweise vorschlägt, sind Kreativität und Flexibilität gefragt. Abbruch und Ersatzneubau muss die Ausnahme werden und darf nicht mehr die Regel sein.

Ein wirklich wichtiger Wunsch für die Zukunft? 

Raphael Sollberger: Dass es bald eine nachhaltige, pflanzliche Alternative zu Raclette und Fondue gibt, die auch nur annähernd nach Käse schmeckt.
Anne-Catherine Schröter: Und dass uns der Winter erhalten bleibt – dann schmecken die beiden Gerichte nämlich am besten. Wir wissen ja eigentlich, was zu tun ist.
 

von Beatrice Born