«Als hier Ansässiger schaue ich nicht immer fasziniert Richtung Jungfrau, die Sicht auf den Viertausender ist doch ganz alltäglich», merkte Peter Oeschger zur Begrüssung an. Gut, dass der Präsident der Regionalgruppe des Berner Heimatschutz dies mit Augenzwinkern sagte, denn das Publikum war damit nicht einverstanden. Und das mit Recht, denn die Aussicht vom Bödeli und explizit vom Höheweg auf die schneebedeckte Bergriesin ist atemberaubend. «Interlaken und die Höhematte sind heute für viele ein Synonym. Täglich wird die Jungfrau von hunderten von Touristen und Touristinnen fotografiert und die Fotos gehen als Erinnerung rund um die Welt», so startete die Präsentation von Christoph Wyss, der nicht persönlich anwesend war. Peter Oeschger und Vizepräsidentin Silvia Kappeler übernahmen an seiner Stelle die Einführung des Anlasses. Und sie führten aus, dass es sich aus heutiger Sicht um eine der ersten Bürger- und Bürgerinnenbewegung auf dem Gebiet des Landschaftsschutzes gehandelt haben dürfte, als vor über 150 Jahren weitsichtige Hoteliers in Interlaken gemeinsam erreichten, dass die Höhematte vor dem Parzellieren und Überbauen geschützt wurde.
Um was genau ging es denn beim Schutz dieser stattliche 14 Hektar grossen Höhematte? Um das zu verstehen, braucht es einen Blick zurück in die Vergangenheit. In wenigen Worten fassten die Vortragenden die Geschichte der Höhematte zusammen: «Ein Plan von 1718 zeigt den ehemaligen Besitz des Klosters, der die heutige Höhematte in Interlaken umfasste. Schon zirka 200 Jahre früher, um 1528, vertrieb der Staat Bern die Mönche. Die Klostergebäude dienten fortan dem Landvogt als Amtssitz. 1815 kam es zu den ‚Interlakner Wirren‘ wegen Unzufriedenheit mit dem damaligen Vogt. Öffentlich wurden die Aufständischen auf der Höhematte gerichtet, hunderte mit Prügeln brutal bestraft. Ein heute unvorstellbares Verfahren.» Die Referenten erinnerten daran, dass erst kurz zuvor 1805 das erste Unspunnenfest stattgefunden hatte, was den internationalen Tourismus im Berner Oberland einläutete. Und sie führten weiter aus: «Mit den Fremden liess sich fortan viel Geld verdienen. Ideen und Pläne für die Zerstückelung und den Verkauf von Bauplätzen auf der Höhematte entstanden. ‚Sicht auf die Jungfrau ist immer die Hauptsache‘, so schrieb Peter Ober 1841 in seinem Reiseführer ‚Interlaken et ses environs‘. Das prägte die Meinung vor Ort und die Höhematte sollte deshalb unverbaut bleiben, davon waren damals Hoteliers und Handelsleute überzeugt. Deshalb kauften 37 Bewohner und Bewohnerinnen des Bödeli dem Staat Bern 1864 die Höhematte ab und errichteten darauf ein strenges Servitut. Die Dienstbarkeit gibt bis heute ein absolutes Bau-, Zerstückelungs- und Baumfällverbot vor.»
Ein Servitut, auch Dienstbarkeit, ist – gemäss Wikipedia – «im Sachenrecht ein dingliches Nutzungsrecht an einer fremden Sache». Dies zu ihrem eigenen Nutzen einzusetzen, verstanden auch andere auf dem Bödeli, wie der Landschaftsarchitekt Daniel Moeri aus Bern in seinem Referat und auf einem geführten Spaziergang anschaulich ausführte.
Moeri blickte zunächst zurück in die Landschaftsgeschichte: Das Bödeli bildete sich erst vor zirka 2000 Jahren aus Geschiebe. Im späten Mittelalter, um 1130, wurde das Kloster Interlaken gegründet und 1279 das Städtchen Unterseen. Die Aare mäanderte jahrhundertelang ungehindert durch die Schwemmebene, das Land wurde erst nach und nach entwässert und somit bebaubar gemacht. Das flache Land diente primär als Ackerland. Es für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, war eine Kulturleistung. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Pensionen und später Hotels. Haupteinnahmequelle wurden die Touristen und Touristinnen, und die kamen wegen der spektakulären Berglandschaft.
Mit diesen Informationen im Gepäck leitete nun Daniel Moeri den Spaziergang vom östlichen zum westlichen Interlaken und zum Unterdorf von Unterseen. «Die Höhematte wirkt wie ein See – die Sicht über die Matte ist meist frei – es ergeben sich wunderbare Bilder», schwärmte der Landschaftsarchitekt beim ersten Halt an der Klosterstrasse zurecht von der atemberaubenden Sicht und zeigte mit grossen Gesten in die Weite. Dass seit 150 Jahren keine Gebäude diese Sicht auf die Jungfrau, aber auch auf die gesamte umliegende Berglandschaft verstellen dürfe, sei dem damals weitsichtig von Hoteliers gemeinsam errichteten Servitut, einer frühen Ortsplanung, zu verdanken, führte er langsam dem Höheweg entlang flanierend aus. Vorbei am Eingang zum Kursaal (von 1859), dem Grand Hotel Viktoria Jungfrau (von 1895) zum Grand Café-Restaurant Schuh (von 1818).
Es wurden auch räumlich weniger einschränkende private Servitute von Hotelbauten eingerichtet. So sah beispielsweise vom Hotel Krebs an der Bahnhofstrasse Interlaken der Gast 1897 noch über eine grüne Wiese, wie eine Karte von damals belegt. Als die Besitzer das Land 1927 südlich der Bahnhofstrasse verkauften, belegten sie es mit einem Aussichtsrecht mit Baubeschränkung.
Über die Aarebrücken führte der Spaziergang weiter zum Unterdorf, dem ältesten Teil von Unterseen. Und von hier zur letzten Station, dem Hotel Beausite. Dies diente als weiteres Beispiel für eine private Dienstbarkeit. Der Hotelier Max Ritter erläuterte, wie es dazu kam, dass die Sicht auf die Jungfrau geschützt wurde. Auf der Parzelle südlich des Hotels führte das Hotel Beausite nämlich eine eigene Gärtnerei. Als diese 1921 an die Gärtnerei Ryffel verkauft wurde, haben die Eigentümer des Hotels Beausite die Gärtnereiparzelle mit einem Servitut belegt, welches nur niedrige Bauten zulässt, damit die freie Sicht auf die Berner Viertausender für die Hotelgäste gewährleistet bleibt.
Interlaken und seine Hotels blicken auf eine lange Tourismustradition zurück. Wie klug damals mit der Höhematte die Weichen fürs Ortsbild gestellt wurden, das nahmen die Teilnehmenden zum Schluss des facettenreichen und informativen Spaziergangs übers Bödeli mit. Und dass auch Private die Idee kopierten, war eine interessante weitere Erkenntnis.
Text: Edith Biedermann, Berner Heimatschutz Region Interlaken Oberhasli